Anbei ein Text, mit dem ich am Bubenreuther Literaturwettbewerb 2022 teilnehme:

Kompass 

Es ist plötzlich alles weiß –  ich kann gar nichts mehr sehen!
Bin geblendet, wie von einer tief verschneiten Landschaft am helllichten Tag.
Gerade war die Welt noch in nebliges Katzengrau getaucht, durch das man die Konturen der Umgebung erahnte – eine schleichende Dämmerung, die kein Festhalten, aber eine ungefähre Orientierung ermöglichte.
Nicht mehr das Hellgrau von davor – aber immerhin.
Doch nun ist alles weiß – und es ist kein milchiges, cremiges Weiß, nicht weich, sondern irgendwie hart. Kalt.
Die Augen zusammengekniffen, die Hand an der Stirn, versuche ich, etwas zu erkennen.
Hilfe! Ich brauche Orientierung!
Meine Hand tastet in die tiefe Tasche meines weiten karierten Sweaters, erspürt die Kontur.
Ich hole meinen Kompass heraus.
Wie gut, dass ich den immer bei mir habe …
Also, Kompass – zeig mir, wo ich muss hin!
Zeig mir, wo’s langgeht, was für mich macht Sinn!
Ich halte die Bussole waagerecht, schaue durch den Spiegel.
Komm schon, Nadel, was ist da los?
Sie zittert, sie bebt, die Nadel kreiselt – aber richtet sich nicht aus.
Meine Hand ist doch ruhig, keine Störung vorhanden!
Ich drehe mich im Kreis, bewege mich.
Kompass hin und her, in jede Richtung, dann wieder ruhige Hand …
Doch die Nadel kommt nicht zur Ruhe.
So unbewegt ich auch bin, sie kreiselt unablässig im Gehäuse!
Was soll ich nur tun? Panik wallt auf!
Ich kämpfe sie nieder, so gut es geht; mein Herz flattert wie ein Kolibri.
Setze mich schließlich, ein wenig ruhiger, auf den jetzt völlig weißen, betonähnlichen Boden.
Er ist kalt, die Jeans wärmt mich hier nicht.
Die Augen geschlossen, den Kompass neben mich gelegt, denke ich nach.
Was soll ich nur tun? Denk nach! Denk nach! Bleib pragmatisch und logisch!
Es fällt mir nicht leicht … der Atem wird schon wieder flach.
Ich öffne die Augen, atme mehrmals bewusst, sammle mich.
Nichts zu erkennen – immer noch nichts …
Keine Orientierung. Niemand da. Kein Mensch, kein Tier, kein Ding.
Wer sagt mir, wo ich muss hin? Was ich denken soll? Was richtig ist und falsch?
Wofür ich kämpfen soll? Und: Was ist mein Sinn?
Kommt schon, irgendwer muss mir das sagen!
Ich drehe mich zur Seite, mein Blick fällt wieder auf den Kompass …
Jetzt ist die Nadel ruhig, still, unbeweglich – und sie zeigt direkt auf: Mich.