Anbei die Geschichte, mit der ich dieses Jahr an meinem ersten Literaturwettbewerb, dem 26. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb, teilgenommen habe (leider habe ich nicht gewonnen – aber bekanntlich zählt ja nur der Wille):

Die Persönlichste aller

Am Türgriff hängt ein Schild, auf dem ein lichtdurchfluteter, ruhig anmutender Blätterwald abgebildet ist. Wahrscheinlich soll diese Foto Frieden suggerieren und den Ort, an den der Verstorbene gegangen ist.
Vorwiegend soll es allerdings die Lebenden auf der Station dazu anhalten, sich gemäßigt und respektvoll zu verhalten, weil hier ein Mensch gestorben ist und sich noch im Zimmer befindet. Ich drücke die Klinke herunter und trete ein. Der Raum ist schön gestrichen, in hellen Tönen, die überhaupt nicht nach Krankenhaus aussehen, außerdem steht neben dem verstellbaren Bett mit Holzrahmen ein rotes, ausziehbares Sofa für die Angehörigen.
Es ist ein „Geh-Zimmer“, ein „Abschiedszimmer“, von dem derjenige, der es für eine mehr oder weniger kurze Zeit bewohnt, weiß, dass es und – solange er noch gesund genug zum Stehen oder Sitzen ist – der Ausblick vom Fenster die letzten Orte sind, die er in seinem Leben sieht.Auch die Angehörigen, Schwestern und Pfleger auf der Palliativstation wissen das und verhalten sich umsichtig, leise und freundlich.
Angehörige findet man außerdem oft in der sich auf demselben Stockwerk befindenden Krankenhauskapelle mit dem großen Buntglasfenster.
Ich schließe die Türe hinter mir. Da liegt sie, im Bett, im hellen Licht. Ganz still, als schliefe sie, doch es fehlen das Heben und Senken des Brustkorbes sowie das leise Atemgeräusch. Nichts deutet mehr auf den bis vor wenigen Stunden stattgefundenen Kampf gegen die Schmerzen hin; das Nachthemd wurde gegen ein schickes aus Papier – Modell Krankenhaus – getauscht, die Bettdecke bis über die Brust gezogen.
Tränen verzerren meinen Blick zu einem Kaleidoskop aus Farben, bahnen sich in heißen, nassen Sturzbächen einen Weg über die Wangen.
Ja, meine Liebe. Ich bin hier. Leider konnte ich es noch nicht früher sein, doch jetzt bin ich da.Ich setze mich ans Bett und nehme ihre Hand. Es ist so seltsam, die Hand, an der ich jeden Knöchel, jede Runzel und Schramme kenne und im Schlaf weiß, wie sie sich anfühlt, kalt zu erspüren. Da war immer so eine übergroße Wärme, die nicht nur von ihrem Fleisch, sondern auch aus dem Herzen gekommen sein muss.
Ich sitze auf der Bettkante und streichle diese Hand, bis ich etwas ruhiger werde – und meine Gedanken schweifen ab – und verlieren sich ganz automatisch in der Vergangenheit …

Hände.
Ich erinnere mich, wie meine Freundin Sue meine Hand gehalten hat, als wir klein waren.
So hüpften wir zusammen den Hügel hinunter, wenn der Kindergarten zu Ende war, wobei öfter einmal eine von uns stolperte und sich das obligatorische aufgeschlagene Knie holte – und später aus dem Schulhof, wenn die Glocke schrillte und wir nach Hause durften.
Als Teenager liefen wir Hand in Hand über das Volksfest in der nahen Stadt, wo wir uns in der Schiffschaukel anschieben ließen und dann gebrannte Mandeln und Zuckerwatte aßen, bis uns der Bauch wehtat. Wo wir es genossen, erstmals ohne Aufsichtspersonen zusammen aus zu sein, diese kribbelige, freudige Aufregung.
Gemeinsam trauten wir uns, Grenzen im Leben zu überschreiten, kleine wie große – zum Beispiel mit Jungs zu reden, eine erste Zigarette zu rauchen und beim Abschlussball hinter der Turnhalle mit Dave und Joe aus unserer Klasse Wodka zu trinken, bis Sue sich schließlich auf meine Schuhe übergeben musste. Doch selbst danach reichte ich ihr noch die Hand, um sie nach Hause zu begleiten.
Und auch später ließen wir uns nie los, blieben in Verbindung, und reichten uns zwar seltener – aber nach wie vor – unsere Hände. Unsere gemeinsamen Grenzerfahrungen prägten unser Verhältnis zueinander, sorgten für eine immerwährende Tiefe.
Ich war Sues Trauzeugin, durfte dabei sein, als sie die Schwelle von „ledig“ zu „verheiratet“ überschritt – und war sogar bei der Geburt ihres zweiten Kindes anwesend, da sich ihr Mann zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise befand. Ich sah, wie ihre Tochter, mein Patenkind, die Schwelle zu unserer Welt überschritt und aus ihrem Bauch heraus in die Hände der Hebamme glitt – Sue und ich weinten vor Glück.
Was auch immer passierte: Sue war und blieb eine der wichtigen Personen in meinem Leben, die ich bei positiven Ereignissen gerne dabei hatte, bei der ich mich bei negativen ausweinte, oder sie auch einfach so gerne anrief oder mich mit ihr traf. Und natürlich umgekehrt!
Wir ließen uns niemals los – nicht nur in den so prägenden Kindertagen.

In meiner Kindheit gab es auch eine Zeit, in der ich abends im Bett lag, durch den Türspalt auf das Licht im Flur starrte, das für mich immer brennen musste, damit ich mich nicht fürchtete, und über den Tod nachdachte … und andere philosophische Themen. Ich – eine Philosophin? Und das bereits als Kind? Nein, eigentlich nicht.
Aber welches Kind hat nicht schon einmal über die Rätsel des Lebens nachgedacht – zum Beispiel darüber, was sich wohl hinter dem Weltall befindet. Und dahinter. Und dahinter. Und dahinter …
Denn wie Unendlichkeit definiert ist, wissen wir ja alle – nur wie ist sie vom Verstand her zu erfassen?
Genauso rechnete ich nach, wie lange ich noch zu leben hätte (ich ging damals davon aus, dass alle Menschen einhundert Jahre alt werden) und was passieren würde, wenn jemand von meiner Familie oder meinen Freunden starb. Ja, das war das schlimmste Szenario, das ich mir vorstellen konnte. Tat es immer körperlich weh, das Sterben? Und was passierte nach dem Tod?
Irgendwann legte ich mir meine eigenen Ansichten darüber zurecht und warf sie im Laufe der nächsten Jahre wieder über den Haufen, je nach Alter eben …
Wie sollte es außerdem mir selbst eines Tages ergehen? Würde ich einfach einschlafen? Gar ermordet werden? Erst lange Zeit krank sein? Ertrinken? …

Letzterem fühlte ich mich bei jener Grenzerfahrung manchmal nahe: Dem Schwimmkurs, den ich mit fünf Jahren zusammen mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Grant besuchte.
Meine Mutter fuhr uns stets hin und wartete mit den anderen Müttern am Beckenrand, während wir Sprösslinge unter Anleitung des Bademeisters unsere ersten Schwimmerfahrungen machten. Selbstverständlich ärgerte und bespritzte mein Bruder mich immer dann mit Wasser, wenn gerade keiner der Erwachsenen einen Blick in unsere Richtung warf.
Als zaghaftes Kind ahmte ich zunächst vorsichtig die Dinge nach, die der Bademeister vorgab, war allerdings mit der Aufforderung, jetzt einmal probeweise den Kopf komplett unter Wasser zu tauchen, völlig überfordert. Verzweifelt sah ich, wie Grant und die anderen Kinder ohne zu zögern dem nachkamen und tauchte schließlich halbherzig mein Gesicht kurz ein; mehr traute ich mich nicht. Ich weiß noch, dass der Bademeister den Kopf schüttelte à la „Was soll ich mit der nur anfangen?“ und ich kurz davor stand, in Tränen auszubrechen – vor allem, als mein Bruder mich deswegen auslachte.
Doch als kurz danach ein anderer Junge versuchte, mich unter Wasser zu tauchen, da der Bademeister gerade nicht aufpasste, packte Grant ihn sofort und ließ ihm statt meiner diese Gemeinheit angedeihen. Dafür nahm er sogar die Rüge in Kauf, die er hinterher sowohl vom Bademeister als auch meiner Mutter kassierte.
Verwunderlicherweise wandelte sich die Sache mit dem Schwimmen in den noch folgenden Kursstunden und ich wurde tatsächlich zu einer sicheren Schwimmerin, die Spaß am Baden, Springen und Tauchen hatte. Es erfüllte mich mit Stolz, die Grenze „Angst vor dem Wasser“ doch noch mit viel Zeit und Übung überschritten zu haben; auch, wenn ich dazu vielleicht etwas länger brauchte als andere Kinder.
Und trotzdem, dass Grant – typisch älterer Bruder eben – vor allem in unserer Kindheit und Jugend immer mal wieder gemein zu mir war, so hielt er doch zu mir, wenn es darauf ankam, wie die Situation im Schwimmkurs zeigte – und wie wir vor allem auch als Erwachsene in schwierigen oder harten Zeiten merkten. Wenn es darauf ankam, war er ein Fels in der Brandung meines Lebens.

Und dann … Desmond.
Mein Blick wird weich und ein Lächeln umspielt meinen Mund.
Was für ein bescheuerter Name, war das Erste, was ich damals dachte. Zum Glück habe ich mich nicht davon abschrecken lassen und schmolz trotzdem beim Blick in seine schokoladenbraunen Augen dahin, wenn er sich in der Vorlesung zu mir umdrehte und vielleicht sogar lächelte. Er hatte so ein zartes, feminines und dennoch für mich sehr anziehendes Lächeln, das oft vollkommen versunken und abwesend wirkte – gerade so, als würde sein Geist sich in einer anderen Welt befinden. Einer, in der es Feen gab, die in einem von geheimnisvollen Nebeln durchwaberten Wald lebten.
Ich weiß noch, wie der feuchte Wollstoff seiner Jacke roch, nachdem er durch den Regen gelaufen war, um rechtzeitig zu unserer Lerngruppe zu kommen – bei der sich dann jedoch herausstellte, dass er und ich die einzigen waren, die sich bei diesem Wetter hinausgewagt hatten. Wie wir nach einer Seite Mathematik-Übungen die Entscheidung trafen, die Uni für diesen Tag Uni sein zu lassen und uns in einem nahen Café bei heißer Schokolade aufzuwärmen.
Nie werde ich diese Kombination vergessen: Regen, der Geruch von feuchtem Wollstoff, Schokolade und Sahne, und dazu der Blick aus seinen dunkelbraunen Augen, der mich zum Schmelzen brachte.
Und, wie ich später am Tag immer noch mit ihm zusammen war, nach vielen Stunden, die mit Gesprächen gefüllt waren – erst denen unserer Stimmen. Dann denen unserer Körper. Wie ich für mich ganz unerwartet, aber doch absolut unabwendbar und auf die wundervollste Weise durch ihn die Grenze zur Frau überschritt.
Das sollte nicht unsere einzige Schwelle sein – es folgten weitere positive Schritte wie unsere Hochzeit ein paar Jahre später, der Kauf unseres kleinen Hauses …
Und als ich dann erfuhr, dass ich schwanger war, schien unser Glück perfekt. Doch dann das unvermittelte Bluten. Die Schmerzen. Diese Leere in meinem Bauch – und in meinem Herzen.
Die Aussage des Arztes, keine Kinder mehr bekommen zu können. Diese Zeit war eine harte Grenzerfahrung für unsere Beziehung, unsere Ehe.
Härter fast als die Grenzerfahrung, als meine beiden Eltern bald hintereinander starben, als ich Anfang vierzig war.
Ich wollte Des an mich heranlassen, konnte es zunächst jedoch nicht, und fast wären wir daran zerbrochen, was kaum jemand aus unserem Umkreis wusste. Doch wir haben es geschafft und sind durch diese Erfahrung stärker geworden. Stärker als Individuen – und auch stärker als Paar. Mutiger. Vielleicht auch mutiger als zu dem Zeitpunkt, da Desmond es endlich schaffte, mich zu einer Fahrt in einem Heißluftballon zu überreden, als ich Fünfzig wurde. Ich habe es aber tatsächlich sehr genossen.
Und vielleicht war es mir als Folge der Fehlgeburt so besonders wichtig, Kinder zu unterrichten, vielleicht erklärte das mein ganz besonders starkes Engagement.

Als die Tränen gerade für einen Moment etwas weniger geworden sind, stehe ich vom Bett auf, trete ans Fenster und schaue hinaus. Dies ist der letzte Moment, in dem wir in diesem Raum zusammen sind, zusammen als Körper. Bei diesem Gedanken fängt meine Sicht schon wieder an, zu verschwimmen, doch ich beiße mir fest auf die Lippe und blinzle so lange, bis ich wieder einigermaßen sehen kann.
Ich lege die Hände auf das steinerne Fensterbrett und nehme die Aussicht in mich auf. Dort unten, mehrere Stockwerke in der Tiefe, befindet sich ein Garten, der zur Klinik gehört, ein kleiner Park. Ein Pavillon ist dort entstanden, man sieht winterliche Büsche und Bäume. All das wurde vor noch nicht allzu langer Zeit angelegt und dient der Zerstreuung, dem Gespräch, dem Wandeln der Patienten und Besucher.
Und in diesem Moment dient mir der Ausblick zum Verweilen und Trost.
Meine Hand wandert über das kühle, glatte Fensterbrett, bis sie den Gegenstand erspürt, der sich dort befindet. Ich nehme die gerahmte Fotografie zur Hand, die dort steht. Lasse meine Finger über den mattsilbernen Rahmen gleiten.
Immer noch, nach all den Jahren, erkenne ich mich nicht als die zwar sportliche, aber unbestreitbar ältere Frau mit dem grauen Pagenschnitt. Sie lächelt glücklich in die Kamera. Ans Altsein habe ich mich irgendwie nie gewöhnt und immer erwartet, die jüngere Frau, die ich einst war, weiterhin im Spiegel zu sehen. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen, ein Zeichen dafür, dass ich mich meist innerlich jung gefühlt habe im Leben.
Da, neben mir auf dem Bild, steht Desmond. Er hat beschützend einen Arm um mich gelegt, ein jungenhaftes Grinsen auf den Lippen – trotz der dritten Zähne im Mund. Da ist auch Grant, ein leichtes, etwas überhebliches Lächeln im Gesicht, wie er es entgegen seiner inneren Wärme manchmal ganz gerne zur Schau stellte. Ich erkenne sowohl meine Mutter wie auch meinen Vater in seinen Gesichtszügen, und so sind sie definitiv mit auf der Abbildung, obwohl beide zu diesem Zeitpunkt schon lange Zeit nicht mehr am Leben waren. Grants erst im Alter „50 Plus“ gefundene Partnerin Ella schmiegt sich liebevoll an ihn.
Daneben ist Sue, sie lehnt sich leicht an Ellas Schulter, so, wie man es bei einer sympathischen Bekannten macht, die aber noch keine Freundin ist. Ihre Arme hat Sue allerdings um ihre vor ihr stehende erwachsene zweite Tochter gelegt.
Da sind sie fast alle auf einen Haufen, fast alle, die ich so sehr liebe. Die, die noch leben – und auch die, die bereits verstorben sind.

Und … wozu das Ganze? Was ist es, das bleibt vom Leben?
Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub?
Was habe ich hinterlassen auf dieser Welt? Keine Kinder, so viel steht fest. Auch meine Haustiere sind längst nicht mehr da. Doch ich glaube und hoffe, sagen zu können, dass ich diesen – und auch einigen Menschen in meinem Leben – Freude gegeben habe. Fürsorge. Engagement. Hilfestellung.
Ich habe weder ein Buch geschrieben noch einen Baum gepflanzt. Doch das, so denke ich mittlerweile, ist meist ohnehin nur der eigenen Eitelkeit geschuldet. Was ich in meiner Welt immer zu säen versuchte, ist das, woraus meiner Meinung nach die schönsten Pflanzen erwachsen können: Liebe.
Wenn dies in nur einem oder zwei von zehn Fällen klappte, so hatte mein Leben einen Sinn.

Ich blinzle, als unvermittelt ein Sonnenstrahl ins Zimmer fällt und mich aus den Erinnerungen holt, in denen ich schon wieder versunken bin. Ich hebe die Hand vor meine Augen – die sich plötzlich dennoch weiten, als ich eine Stimme höre. „Tess.“ Zuerst leise und sanft, dann etwas nachdrücklicher.
„Desmond…“ Meine Stimme bricht fast, ich räuspere mich. Wiederhole seinen Namen.
Und dann steht er plötzlich vor mir, ganz einfach so. Allerdings draußen, vor dem Fenster – als würde er direkt davor in der Luft schweben, auf dem Sonnenstrahl, der wie ein Weg vom Himmel direkt ins Zimmer zu führen scheint.
Des streckt seine Hand durch das Fensterglas, als wäre dieses nicht vorhanden.
„Komm, mein altes Mädchen. Es ist Zeit, zu gehen – wir warten auf dich!“
Ich drehe mich noch einmal um und schaue zum Bett. Da liegt sie. Da liege ich.
Leb wohl, Tess. Leb wohl, alte Hülle, sage ich leise.
Dann wende ich mich zum letzten Mal ab, ergreife die Hand meines Mannes – und zusammen treten wir ins Licht.