Dieses Jahr habe ich mit dem nachfolgenden Text am Bubenreuther Literaturwettbewerb (2026) teilgenommen. In Anlehnung an meine Zusage, für jemanden einen Text zum Thema „grampfen / krampfen“ (altbayrisch für „stehlen“) zu schreiben 😉  

Rausgestohlen

Mein Geldbeutel ist weg. Ich bemerke es, als ich meinen Rucksack öffne, um die Trinkflasche herauszunehmen. Der Geruch nach neuem, gegerbtem Schweinsleder fehlt, den ich trotz der Geruchskakofonie um mich herum bisher wahrnehmen konnte. Und auch, nachdem ich den Rucksack durchwühlt, Kleidung und Kulturtasche herausgenommen und ihn umgestülpt habe, findet sich das braune Lederteil nirgends.
„Hoffentlich erfährt Ulrike das nie!“ ist mein erster Gedanke. Die zu erwartende Panik anhand der Situation, dass ich im Zug von Bangkok nach Samut Sakhon sitze und mir mein Geld, die Kreditkarten, der Führerschein sowie anderes abhandengekommen sind, bleibt seltsamerweise aus.
Es macht mich nervöser, dass meine Frau von der Tatsache erfahren könnte, dass ihr – wie immer – sorgfältig ausgewähltes Weihnachtsgeschenk verloren gegangen ist.
Wenigstens mein Reisepass steckt noch nebst Handy und zwei 1.000 Baht-Scheinen, die ich nicht gleich im Geldbeutel verstaut hatte, in der Seitentasche des Reiserucksacks.
Ich nehme das Handy heraus und sehe, dass der Netzempfang hervorragend ist. Was ich nutze, um über die Sperrhotline meine Karten sperren zu lassen. Das ist mit den ganzen Geräuschen um mich herum nicht gerade einfach: Der Zug rumpelt und rattert auf der alten Strecke, Gespräche schnattern im Abteil und durch die geöffneten Fenster dringt ein Rauschen.
Mit lautem Hupen laufen wir bald darauf in der Maha Chai Station ein.
Ich frage mich, warum ich mit dem Handyanruf nicht bis hier gewartet habe, während ich zwischen Händlern und Einheimischen aussteige und mir einen Weg zum Maha Chai Pier bahne. Von dort sollte es jetzt mit einem lokalen Boot über den Mae Nam Tha Chin-Fluss und dann mit einer anderen Bahn zu meinem Zielort Samut Songkhram weitergehen.
Anstatt zum Anleger zu gehen, bleibe ich aber in der Nähe am Wasser stehen und blicke lange Augenblicke wie verloren auf den dahinfließenden Mae Nam Tha Chin. Ein einheimisches Boot legt an und einige Menschen strömen heraus.
Ich nehme mein Handy erneut zur Hand und tippe eine Nachricht: „Ich komme nicht zurück. Such nicht nach mir. Es tut mir leid!“ Nur diese Zeilen – die ich kurz darauf mit einem energischen Tastendruck absende.
Dann hole ich weit mit dem Arm aus – und schleudere mein Handy in den Fluss, wo es kurz dümpelt, um gleich darauf von einer Welle verschluckt zu werden. Ein verwirrt dreinblickender Jugendlicher neben mir hat die Aktion mitverfolgt und rempelt seinen Freund an. Auf Thai schnattern die beiden los.
Ich drehe mich ungerührt um und marschiere in die entgegengesetzte Richtung davon. Einer der Jungs ruft mir noch ein „Mister! Mister!“ nach, was ich geflissentlich ignoriere.
Erst einmal stadteinwärts gehen. Und dann – irgendein Weg wird mich schon aus der Stadt herausführen. Wie es dann weitergeht? Wir werden sehen …

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